Skistar Carlo Janka am «Tag der Lernenden» in St. Gallen und im Thurgau

Carlo Janka, Ski-Olympiasieger und Gesamtweltcupsieger, spricht am 27. August 2026 beim «Tag der Lernenden» in St. Gallen und im Thurgau vor Lernenden und Berufsbildnern. Seine 5 Rezepte drehen sich im Kern darum, dass Erfolg weit mehr ist als nur Gewinnen und wie man auch in schwierigen Phasen den Glauben an sich selbst behält.

Frage 1: Die Motivation für den Berufsnachwuchs

Herr Janka, Sie haben in Ihrer Skikarriere die höchsten Gipfel des Erfolgs erreicht – vom Olympiasieg bis zum Gesamtweltcup. Bald stehen Sie am Tag der Lernenden in St. Gallen vor Hunderten von Jugendlichen, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Was motiviert Sie persönlich, Ihre Erfahrungen an diese Generation weiterzugeben?

Ich durfte in meiner Karriere unglaublich viel erleben. Natürlich waren die Erfolge wie der Olympiasieg oder der Gesamtweltcup etwas ganz Besonderes. Mindestens genauso viel habe ich aber aus den schwierigen Zeiten gelernt. Genau diese Erfahrungen möchte ich weitergeben. Ich glaube, jeder Mensch steht irgendwann vor Herausforderungen, unabhängig davon, ob im Sport, in der Lehre oder im Beruf. Wenn ich Jugendlichen etwas mitgeben kann, das ihnen hilft, mehr an sich selbst zu glauben oder in schwierigen Momenten nicht aufzugeben, dann ist das für mich sehr wertvoll. Gerade junge Menschen haben enormes Potenzial, manchmal brauchen sie einfach jemanden, der ihnen Mut macht.

Frage 2: Die Kraft der Gedanken im Alltag

Das übergeordnete Thema Ihres Beitrags ist das ‚Positive Denken im Berufsalltag‘. Im Spitzensport entscheidet die mentale Einstellung oft über Hundertstelsekunden zwischen Sieg und Niederlage. Wie lässt sich diese Kraft der gezielten Gedanken konkret auf den oft von Routine geprägten Alltag einer Lernenden oder eines Lernenden im Büro oder in der Werkstatt übertragen?

Wie wird positives Denken dort zum Erfolgsfaktor? Positives Denken bedeutet für mich nicht, alles schönzureden. Es bedeutet vielmehr, den Fokus bewusst auf das zu richten, was ich beeinflussen kann. Im Skisport konnte ich das Wetter oder die Konkurrenz nicht verändern, aber ich konnte entscheiden, mit welcher Einstellung ich am Start stehe. Genau gleich ist es im Berufsalltag. Fehler passieren, Aufgaben sind manchmal langweilig oder anstrengend. Entscheidend ist, ob ich mich davon herunterziehen lasse oder ob ich darin eine Möglichkeit sehe, etwas zu lernen. Die Einstellung ist oft der Unterschied zwischen Stillstand und Entwicklung.

Frage 3: Motivation in schwierigen Lebenslagen

In Ihrer Karriere mussten Sie verletzungsbedingt oder in Formtiefs immer wieder schwierige Phasen durchstehen und den Glauben an Ihr Können bewahren. Auch Lernende stossen an Punkte, an denen die Motivation im Keller ist oder der Frust überwiegt. Welches ganz konkrete ‚Rezept‘ aus Ihrer Zeit im Ski-Zirkus können Sie Jugendlichen und Ausbildnern mitgeben, um in solchen mentalen Tiefs den Fokus bewusst wieder auf das Positive und auf die eigenen Stärken zu lenken?

Ich habe gelernt, das grosse Ziel zwar immer am Horizont zu haben, meinen Fokus im Alltag aber auf die kleinen Schritte zu richten. Wenn ich verletzt war oder in einem Formtief steckte, hätte mich der Gedanke an das grosse Ziel oft eher überfordert. Deshalb habe ich mich jeweils gefragt: Was ist heute der nächste Schritt, den ich beeinflussen kann? Vielleicht war es einfach ein gutes Training, eine gelungene Übung oder ein kleiner Fortschritt gegenüber dem Vortag. Genau diese kleinen Erfolgserlebnisse geben Selbstvertrauen und Motivation. Wenn man Schritt für Schritt vorwärtsgeht, kommt man dem grossen Ziel oft näher, ohne ständig den Druck zu spüren, sofort dort ankommen zu müssen. So entstehen nachhaltige Entwicklung und langfristiger Erfolg.

Frage 4: Erfolg neu definieren

Eines Ihrer Rezepte für den Berufsalltag lautet: ‚Erfolg bedeutet nicht nur gewinnen, sondern die beste Version von sich selbst zu sein.‘ Gerade in der Lehre ist der Leistungsdruck oft hoch. Wie schafft man es als junger Mensch – oder auch als Ausbildner –, diesen Druck herauszunehmen und sich auf die kleinen, täglichen Schritte zu konzentrieren, statt nur auf das perfekte Endergebnis zu schielen?

Ich habe im Spitzensport früh gelernt, meinen Erfolg nicht primär an den Resultaten zu messen, sondern an meiner eigenen Performance. Denn gerade im Skisport gibt es in fast jedem Rennen jemanden, der schneller ist als du. Wenn ich meinen Erfolg nur von der Rangliste abhängig gemacht hätte, wäre ich oft enttäuscht gewesen, obwohl ich vielleicht eines meiner besten Rennen gefahren bin. Viel wichtiger war für mich deshalb die Frage: Habe ich heute das umgesetzt, was ich mir vorgenommen habe? Habe ich mein Potenzial ausgeschöpft? Wenn ich diese Fragen mit Ja beantworten konnte, war das für mich ein erfolgreicher Tag, unabhängig vom Resultat. Ich glaube, genau diese Sichtweise hilft auch im Berufsalltag. Wer sich auf die eigene Leistung und die persönliche Entwicklung konzentriert, anstatt sich ständig mit anderen zu vergleichen, nimmt viel Druck heraus und bleibt langfristig motiviert.

Frage 5: Mut trotz Angst (Zu Rezept 5)

Ihr letzter Tipp ist besonders ehrlich: ‚Angst gehört dazu, Mut bedeutet trotzdem weiterzugehen.‘ Vor der Lehrabschlussprüfung, dem ersten grossen Kundenkontakt oder einem Abteilungswechsel haben viele Lernende schlichtweg weiche Knie. Wie sind Sie früher mit der Angst im Starthaus umgegangen und wie lässt sich dieses Gefühl produktiv in Mut ummünzen?

Vor jedem Rennen war ich nervös und gerade im Abfahrtsrennsport gehört auch eine gewisse Angst immer dazu. Das ist völlig normal, denn wenn man mit über 100 km/h einen Hang hinunterfährt, steht einiges auf dem Spiel. Mit der Zeit habe ich aber verstanden, dass Nervosität und Angst nichts Schlechtes sind. Im Gegenteil. Sie zeigen, dass einem etwas wichtig ist und dass man die Herausforderung ernst nimmt. Entscheidend ist nicht, keine Angst zu haben, sondern zu lernen, mit ihr umzugehen. Mut bedeutet für mich nicht, angstfrei zu sein. Mut bedeutet, trotz der Angst und der Nervosität den nächsten Schritt zu machen und sich auf das zu konzentrieren, was man beeinflussen kann. Genau das gilt auch für eine Lehrabschlussprüfung, den ersten Kundenkontakt oder jede neue Herausforderung im Berufsleben. Wer sich seinen Ängsten stellt und trotzdem handelt, wächst daran und gewinnt mit jeder Erfahrung mehr Selbstvertrauen.


Carlo Janka tritt am Tag der Lernenden 2026 in St. Gallen und im Thurgau auf.

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